Träumen…

VON EINER STADT

Ich möchte einmal in einer Stadt leben, in der ich die Fremde bin, denkt sie. Meine wilden Locken werden anders springen als die Locken auf den Köpfen der Menschen dieser Stadt; und ihr Braun wird fremd sein, ein bisschen zu hell und ein bisschen zu satt. Das Grün meiner Augen wird die Menschen an Dinge erinnern, die sie nicht kennen, an fremde Spiegelseen und unbekannte Pflanzensprösslinge. Meine Haut wird auf eine andere Art in der Sonne schimmern. Die Art wie ich gehe, wird mich kennzeichnen. Die Schritte ein bisschen kürzer, ein bisschen tänzelnder. Mein Rock wird ein bisschen, gerade ein bisschen anders um meine Beine flattern, als die Röcke dieser Stadt um die Beine der Frauen dieser Stadt. Die Menschen auf der Straße werden mir nachschauen, und ich werde sie bitten, langsamer zu sprechen, und sie werden mit jeder Wiederholung schneller und eindringlicher reden. Wir werden mit unseren Armen und Blicken sprechen und uns schlussendlich verstehen, vielleicht. Oder uns umdrehen und uns fremd fühlen, beide gleichermaßen.

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Ich möchte einmal fortgehen, schweigt sie, und zurückkommen. Und nicht wissen, wohin ich gehöre. Nicht wissen, wo mein Platz ist. Fremde und Zuhause verwechseln. Beides möchte ich lieben lernen, denkt sie. Ich möchte die Grenzen aufbrechen, zwischen so und so, zwischen eigen und anders. Ich möchte meinen Blick neu schleifen. Ich möchte sehen, dass in jeder Stadt jeder Rock für sich um die Beine jeder Frau flattert, dass an jedem Kopf die Locken anders springen, dass jeder Traum in eigenen Farben gemalt ist, dass jedes Lachen das schönste und jede Liebe die einzige wahre große ist, zumindest für einen Moment.

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Ich möchte einmal in einer Stadt leben, in der kein Mensch ist wie der andere, in der niemand fremd ist, denkt sie, und alle sich zu Hause fühlen können.

Ich möchte das Wort fremd aus meinem Wortschatz entfernen, ruft sie laut. Die Fahrt ist zu Ende. Sie ist am Ziel. Und hier wartet eine neue Stadt.