Anziehung

Ja,
deine Stimme
aus Goldstaub
zieht
an meinen Haaren
an meiner Angst
zieht mich
an der Nabelschnur
in den Schutz der Nacht
zieht mich aus
meiner Einsamkeit
in ein Zuhause
mit dir

Illusionen

„Was willst du einmal werden?“, fragten die Tanten den kleinen Boris. „Ich bin schon“, antwortete der kleine Boris und die Tanten ärgerten sich über seine Dummheit und ließen ihn zur Strafe hundertmal „Ich will reich werden“ schreiben. Und der kleine Boris ärgerte sich über die Dummheit der Tanten und dachte, dass er schon reich war, wann immer sie ihn in Ruhe ließen.

„Was willst du einmal werden?“, fragten die Väter die kleine Irina. „Größer“, sagte die kleine Irina. „Klüger, schöner, gesünder und glücklicher.“ Und die Väter runzelten nachdenklich die Stirn über so viel Unbescheidenheit und ließen sie zur Strafe hundertmal „Ich will eine gute Ehefrau werden“ schreiben. Und die kleine Irina ärgerte sich über die gerunzelten Stirnen der Väter und dachte, dass es nicht unbescheiden war, Träume zu haben, die Geld nicht kaufen konnte.

„Was bist du?“, wurde der kleine Boris gefragt, als er groß war. „Ich bin Künstler!“, sagte er dann. „Wo sind deine Bilder?“, fragten die Leute und verlangten sie zu sehen. Aber der große Boris lächelte nur und fühlte sich reich.

„Was bist du?“, wurde die kleine Irina gefragt, als sie groß war. „Ich bin frei!“, sagte sie dann. „Wo ist dein Ring?“, fragten die Leute und verlangten ihn zu sehen. Aber die große Irina lächelte nur und warf das weiße Kleid ins Feuer.

Eines Tages traf Boris Irina. Und am gleichen Tag zur gleichen Zeit traf Irina Boris. „Bist du allein?“, fragte Irina. „Nein“, sagte Boris. „Jetzt nicht mehr.“

Am gleichen Abend nahm Boris zum ersten Mal einen Pinsel in die Hand und schuf sein erstes Werk und das erste Werk vollendete den Künstler Boris. Und am gleichen Abend nahm Irina ihr Leben in die Hand und erlebte ihr erstes Glück und ihren ersten Schmerz und sie erlebte ihren ersten Schmerz und ihr erstes Glück.

„Wer hat das gemalt?“, fragte der Gallerist und starrte fassungslos auf das Bild an der Wand. Das Bild aber schwieg und verriet seinen Schöpfer nicht. „Das ist ein wahrer Künstler!“, rief ein Kritiker. „Man möge sein Gewicht mit Gold aufwiegen und ihn ins Gefängnis stecken, damit er der Menschheit nicht verloren gehe!“

„Wer hat das getan?“, fragte der Gefängniswärter und starrte fassungslos auf das Loch in der Zellenwand. Aber das Loch schwieg und verriet seine Schöpferin nicht. „Das war die Freiheit!“, flüsterte ein Häftling ergriffen. „Man möge ihr Federn schenken, damit sie der Menschheit für alle Zeit entkomme!“

Boris und Irina und Irina und Boris. Nur ein Stück Ufer und zwei verflochtene Hände und langsame Schritte. „Du bist ein Künstler!“, sagt Irina. „Ich bin“, sagt Boris. „Du bist schön!“, sagt Boris, „Und du bist klug.“ „Ich bin keine gute Ehefrau“, sagt Irina. „Ich bin glücklich.“

Brombeerkratzer an den Beinen, Mückenschwärme im Abendrot. Zwei unsichtbare Schatten befreien sich, fliegen davon. „Halte meine Hand“, sagt Irina. „Aber halte mich nicht fest.“ „Gib mich frei“, sagt Boris. „Aber lass mich niemals los.“ Die Sterne blinzeln von allen Seiten. Und alle Saiten klingen im Nachtwind. Das Bild verfließt, die Erde verschwimmt, die Welt wird klein und bedeutungslos.

Boris will Irina küssen. Irina küsst Boris. Ein Kuss verbindet Irina und Boris, weil Boris Irina liebt, weil Irina Boris liebt. Und die Einsamkeit Illusion geworden ist…